Arbeitswelt - 05.11.2025

Ältere Mitarbeitende brauchen keine Sonderbehandlung

«Ältere Mitarbeitende sind betriebswirtschaftlich relevant - und es erfordert keine Sonderbehandlung....», betont Hans Rupli im Interview mit dem Forum BGM Zürich.

Wenn über ältere Mitarbeitende gesprochen wird, tauchen rasch stereotype Vorstellungen auf: nicht mehr anpassungsfähig, weniger belastbar, geringere digitale Kompetenzen. Hans Rupli, Präsident vom Arbeitgebernetzwerk focus50plus, zeigt im Gespräch mit dem Forum BGM Zürich auf, wo Potenziale, Stärken und Herausforderungen liegen. 

Forum BGM Zürich: Herr Rupli, wo liegen besondere Stärken älterer Mitarbeitender?

Hans Rupli: Ältere Mitarbeitende bringen grosses Erfahrungswissen und in der Regel soziale und emotionale Kompetenzen sowie hohe Loyalität mit. Ihr Umgang mit Stress ist oft reflektierter, ihre Fähigkeit zur Priorisierung und zur situativen Führung ausgeprägt. In Teams schaffen sie häufig Stabilität, vermitteln Ruhe und wirken meistens integrierend. Ihre Erfahrung und ihr Weitblick tragen dazu bei, dass Unternehmen Veränderungen und auch Krisen besser bewältigen und innovativer und nachhaltiger planen können.

Welche Bedürfnisse werden bei älteren Mitarbeitenden häufig wichtiger?

Für alle Altersgruppen wichtig sind Sinnhaftigkeit, Anerkennung und Gestaltungsfreiheit. Hilfreich sind auch soziale Einbindung und ein freundliches Arbeitsklima. Flexible Arbeitsmodelle, die der individuellen Lebensrealität und Leistungsfähigkeit Rechnung tragen, können mit dem Alter zunehmend bedeutsam werden, dies kann aber auch sehr stark lebensphasenabhängig sein, z.B. für einen jungen Vater genauso relevant. Daher empfehlen wir, vermehrt über die Lebensphase statt des Alters der Mitarbeitenden zu sprechen.

Welche Faktoren können ältere Arbeitnehmende belasten?

Psychische Belastungen entstehen häufig nicht aufgrund des Alters, sondern wegen den Rahmenbedingungen. Fehlende Wertschätzung, ungelöste Konflikte oder mangelnde Mitwirkung sind Zeichen einer ungesunden Betriebskultur. Wenn für ältere Mitarbeitende das Gefühl entsteht, dass Erfahrung nicht mehr gefragt ist oder der Beitrag nicht zählt, sinkt die Motivation und das Risiko für psychische Erschöpfung steigt. Während Jüngere solche Situationen oft durch Stellenwechsel korrigieren, empfinden Ältere Veränderungen als belastender. 

In welchen Bereichen sind ältere Arbeitnehmende stärker herausgefordert als jüngere?

Durch die digitale Transformation und neue Arbeitsformen, die kontinuierliche Anpassungen verlangen. Diese erfordern Lernbereitschaft und die Fähigkeit, bisherige Routinen zu hinterfragen. Hinzu kommt, dass berufliche Mobilität für ältere Mitarbeitende mit höheren Risiken verbunden ist – etwa durch eingeschränkte Wechselchancen oder finanzielle Verpflichtungen.

Was können Betriebe tun, um die (psychische) Gesundheit älterer Mitarbeitender zu stärken?

Der Umgang mit Mitarbeitenden 50+ verlangt keine Sonderbehandlung, sondern einen bewussten Perspektivenwechsel. Unternehmen sollten die Menschen in ihrer Lebensphase wahrnehmen, unabhängig vom Alter. Klarheit, Gerechtigkeit und Partizipation sind wirksame Schutzfaktoren gegen psychische Belastungen – für alle. Eine Führungskultur, die auf Dialog und Vertrauen setzt, fördert die Motivation und die Gesundheit und entsprechend das Potenzial im gesamten Betrieb. 

Welche Rolle spielen denn die Führungskräfte?

Eine zentrale. Sie sollten geschult sein, subtile Anzeichen von Überlastung oder Rückzug frühzeitig zu erkennen. Offene Gespräche wirken entlastend. Situativ kann es sinnvoll sein, Aufgaben, Verantwortung oder Arbeitszeiten, ein Stück weit und wenn möglich, anzupassen, um die Balance wiederherzustellen. Auch das Fördern von Weiterbildungen – etwa zu digitalen Kompetenzen oder Kommunikation – stärkt die Selbstwirksamkeit und das Selbstvertrauen. Ebenso wichtig sind Sinn und Anerkennung: Mitarbeitende, in jedem Alter, die verstehen, warum ihr Beitrag zählt, bleiben gesünder und motivierter. 

Wieso ist es wichtig, ältere Mitarbeitende speziell zu fördern?

Die Förderung älterer Mitarbeitender ist nicht nur eine soziale, sondern auch eine betriebswirtschaftliche Aufgabe. Viele Unternehmen setzen auf Employer Branding und Rekrutierungsstrategien; diese können auch explizit auf eine Rekrutierung und Bindung von Personen 50+ abzielen. Die Erwerbsquote der Bevölkerung 60+ sinkt in der Schweiz noch immer, obwohl rund die Hälfte der Arbeitnehmenden im Alter von über 50 grundsätzlich bereit wäre, länger zu arbeiten. Wer dieses Potenzial nutzt, kann dem demographischen Wandel und Fachkräftemangel begegnen und fachliche Expertise und Verlässlichkeit gewinnen. 

Eventhinweis für Donnerstag, 13. November 2026: Webinar «Mitarbeitende 50+ unterstützen»

Im Webinar «Mitarbeitende 50+ unterstützen» des Forum BGM Zürich zeigt Hans Rupli, Präsident Netzwerk focus50plus, Faktoren auf, die ältere Arbeitnehmende besonders belasten können und gibt Führungs- und HR-Fachpersonen Tipps im Umgang mit psychisch belasteten Mitarbeitenden 50+. Das Webinar findet am 13. November von 16 bis 17 Uhr statt und ist kostenlos. Eine Anmeldung ist erforderlich.

 

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